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Elfie Haupt

Gastbeitrag

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[KG 04:] Gürtelrose


Es muss bei Vaters Geburtstagskaffee gewesen sein, einem Ereignis, zu dem die Jungs sich in die Gespräche der Erwachsenen am Tisch nicht einzumischen hatten. Sie „saßen im Zuhörer-raum“, wie es die Großtante einmal formuliert hatte, als sie sich im Kreise der holsteinischen „Plattsnackers“ nicht am Gespräch beteiligen konnte. Es gab Torte und Marmorkuchen und das war etwas für den Großonkel. Zuhause bekam er zur Kaffeestunde regelmäßig nur Streuselkuchen, den er deshalb „Universal“ nannte. Die Großtante ließ jede Woche bei Bäcker Vöge ein Blech abbacken und wer Pech hatte, bekam das Stück, an dem der obligatorische Papierzettel mit dem Namen hing. Viele Hausfrauen ließen ihre Kuchen nach dem Kriege in der Backstube abbacken, da man zu Hause keine Möglichkeit dazu hatte.

Gegen Ende der Kaffeestunde rutschte der Onkel auf seinem Stuhl herum. Irgendetwas war nicht in Ordnung. „Was ist los, Alfred?“ fragte die Tante, der die Angelegenheit komisch vorkam und der Onkel antwortete: „Das spickt hier dauernd im Rücken. Was das wohl ist? Das hatte ich doch gestern noch nicht!“ „Es wird schon vorbei gehen, Alfred“, meinte die Oma da. „Das hat man eben manchmal.“ Aber das Spicken wollte nicht aufhören. „Immer wenn ich mich bewege“, erklärte der Onkel, „spickt es mir im Rücken. Was kann das nur sein?“

Schließlich entschlossen sich Großonkel und Großtante ins Schlafzimmer zu gehen, um ein-mal unter dem Hemd nachsehen zu können, woran die Beschwerden lagen. Alles war gespannt auf das Ergebnis der Nachschau. Da kamen Onkel und Tante auch schon zurück, mit ernsten Gesichtern. „Er hat so rote Stellen oberhalb der Gürtellinie“, berichtete die Tante. „Ich fürchte, es ist eine Gürtelrose!“ „Um Himmels willen“, meinte die Oma entsetzt. „Alfred, Du musst gleich morgen früh zum Arzt gehen. Gürtelrosen sind gefährlich. Sie dürfen sich nicht um den Leib herum schließen sonst stirbt man.“

Großonkel und Großtante wollten nun nicht mehr zum Abendbrot bleiben. Sie mussten unbedingt nach Hause, um dort bis zum Beginn der Sprechstunde des Hausarztes am folgenden Morgen in Ruhe auszuharren.

Am kommenden Morgen war der Onkel um 9 Uhr der erste Patient in der Sprechstunde. Er hatte sich extra kein anderes Hemd angezogen, denn er wollte nicht ein weiteres mit den Gürtelrose-Viren infizieren. „Herr Doktor, in meinem Rücken spickt es seit gestern. Meine Frau hat sich die Sache angesehen. Sie glaubt, es sei die Gürtelrose.“ „Dann lassen Sie mal sehen“, sagte der Arzt ruhig und warf dann einen Blick auf die roten, stechenden Stellen. Schließlich lächelte er: „Nein, Sie haben keine Gürtelrose. Sie tragen wohl ein neues Barchent-Hemd. Schauen Sie mal, hier habe ich noch zwei Nadeln gefunden!“

Man kann sich Großonkels Ärger sicher vorstellen.

©Peter Perrey